Gerhard Dziuk und Alfred Schmidt
Institut für Angewandte Mathematik,
Hermann-Herder-Str. 10, 79104 Freiburg, Germany
Erscheint in: forschung, DFG (Hrsg.)

Das physikalische Problem
Beim Schmelzen oder Auftauen von festen Materialien sind die
Wärmeleitung und der Abtransport der entstehenden Schmelzwärme die
wesentlichen physikalischen Effekte. Gleiches gilt für langsame
Gefriervorgänge. Beim schnellen Gefrieren oder Erstarren von
unterkühlten Schmelzen werden zusätzliche Oberflächeneffekte an der
Grenze zwischen festem und flüssigem Material wichtig, die zur
Entstehung von schnell wachsenden verzweigten Strukturen, sogenannten
Dendriten, führen. Phasenübergänge mit dendritischem Wachstum
treten in vielen Anwendungen auf, wie z.B. beim Erstarren von
Metallschmelzen in der Stahlerzeugung oder beim Gefrieren von
Lebensmitteln oder Blutplasmen. Das wesentliche gestaltbildende
Prinzip kann schon an reinen, einkomponentigen Materialien studiert
werden. Das große Interesse von Anwendern an einem genauen
Verständnis der zugrundeliegenden Gesetze wird auch durch die
Tatsache belegt, dass mehrmals das Erstarrungsverhalten von
Materialien unter Mikrogravitation in Space Shuttle Experimenten
beobachtet wurde (http://zeta.lerc.nasa.gov/EXPR2/IDGE.HTM).
Materialwissenschaftler sind an der Modellierung des dynamischen
Verhaltens der wachsenden Dendriten interessiert. Man beobachtet bei
Experimenten dass sich die Spitzen der Dendriten mit einer konstanten
Geschwindigkeit bewegen und einen festen Krümmungsradius besitzen.
Das Prinzip der Auswahl dieser Wachstumsparameter in Abhängigkeit von
Daten wie der Unterkühlung der Schmelze ist ein noch immer nicht ganz
gelöstes Problem. Experimente sind teuer und aufwendig; deshalb sind
numerische Simulationen von großem Interesse.
Berechenbar machen
Das mathematische Modell für das Dendritenwachstum besteht aus
mehreren nichtlinearen partiellen Differentialgleichungen für die
Temperatur und für die Position der Phasengrenze. Wenn man diese
Gleichungen mit dem Rechner lösen möchte, so müssen sie erst für
den Computer in geeigneter Form bereitgestellt werden. Man ersetzt
deshalb das kontinuierliche Problem durch ein diskretes. Dies
geschieht so, dass man die zu bestimmenden physikalischen Größen
nicht überall berechnet, sondern nur noch an Punkten eines
Gitters. Dann sind typischerweise 600\,000 Gleichungen mit
ebensovielen Unbekannten auf dem Rechner zu lösen. Trotzdem ist
diese Zahl noch relativ gering, da der verwendete Algorithmus auf
einem adaptiven Verfahren beruht. Würde man keine Adaptivität der
Gitter verwenden, so wären 10 Millionen Unbekannte zu berechnen. Eine
wichtige algorithmische Idee besteht in der Verwendung sogenannter
{\em Finiter Elemente}. Dies ist eine numerische Methode, die dazu
führt, dass in jeder der vielen Gleichungen nur wenige Unbekannte
vorkommen und die Unbekannten gleichmäßig über die Gleichungen
verteilt sind. Eine weitere wichtige Technik ist die schon erwähnte
Verwendung {\em adaptiver Gitter}. Das Rechengitter wird dort
besonders fein gewählt, wo Strukturen gut aufgelöst werden müssen,
z. B. wo die Lösung stark variiert. Dagegen kann man an Stellen, an
denen die Lösung fast konstant ist, ein sehr grobes Gitter verwenden.
Allerdings hängt die Feinheit des Gitters offensichtlich von der
Lösung ab, die man ja gerade ausrechnen will. Mathematische Methoden
liefern aber Formeln dafür, an welcher Stelle das Gitter wie fein zu
wählen ist, um eine gegebene Fehlertoleranz einzuhalten. Das
Besondere an diesen sogenannten Fehlerschätzern ist, dass sie nur
Daten verwenden, die auf dem Computer vorhanden sind und nicht etwa
Daten, die nur theoretisch bekannt sind. Bei der Berechnung des
Wachstums eines Dendriten muß das Gitter in jedem Zeitschritt neu
angepaßt werden. Die besondere Schwierigkeit bei der numerischen
Simulation ist die Berechnung des freien Randes, das heißt der
Phasengrenze.

Der Freie Rand
Neben der Wärmeleitung in der festen und flüssigen Phase spielen die
Verhältnisse an der Phasengrenze zwischen festem und flüssigem
Material eine wesentliche Rolle für die Entstehung und das Wachstum
von Dendriten. Auf molekularer Ebene betrachtet geschieht das
Erstarren, also der übergang vom flüssigen zum festen Zustand, durch
Einordnung der im flüssigen Zustand relativ frei beweglichen
Moleküle in den festen Verband einer Kristallstruktur.
Die Schmelztemperatur, also diejenige Temperatur, bei der der
übergang von flüssigem zu festem Zustand eintritt, wird von den
kinetischen und geometrischen Eigenschaften der Phasengrenze
beinflusst. Je schneller sich die Grenze fortbewegt und je stärker
sie gekrümmt ist, desto tiefer ist die Schmelztemperatur.
Dieses Verhalten kann durch das scheinbar einfache Gesetz
beschrieben werden. Dabei ist $V$ die Geschwindigkeit der Grenze, $K$ die (mittlere) Krümmung der Grenze, und $T$ die Temperatur beim Phasenübergang. Die Parameter $\alpha$ und $\beta$ hängen vom Material ab und sind darüberhinaus richtungsabängig, was sich aus der geometrischen Struktur des zugrundeliegenden Kristallgitters des Materials begründet. Durch diese Parameter ergeben sich dann auch die zu beobachtenden räumlichen Symmetrien der entstehenden Strukturen, wie man sie auch von Schneeflocken kennt.
Mean Curvature Flow
Dieses Bewegungsgesetz für die Phasengrenze war den letzten zehn
Jahren Gegenstand der Forschung in Geometrie und Analysis. Es ist in
mathematischer und numerischer Hinsicht ein höchst schwieriges
Bewegungsgesetz. Die Forschung hat aber neben vielen theoretischen
Resultaten zum Mean Curvature Flow auch effiziente und besonders
stabile Algorithmen zur Berechnung der Bewegung der Phasengrenze (des
Freien Randes) gemäß diesem Gesetz geliefert. Die Schwierigkeiten
mit dem Bewegungsgesetz beginnen damit, dass es gar nicht so klar ist,
wie man dem Rechner beibringt, die Krümmung der Phasengrenze zu
berechnen. Mit Methoden aus der mathematischen Theorie der Flächen
gelingt dies. Außerdem muß ein Algorithmus für das Bewegungsgesetz
numerisch stabil sein. Das bedeutet, dass das numerische Verfahren
gegenüber den immer auftretenden Rundungsfehlern unempfindlich sein
muss. Dies gelang mit einer geeigneten zeitlichen Aufteilung der
Berechnungsschritte.
Algorithmik
Das zeitabhängige Problem wird in diskreten Zeitschritten gerechnet.
Dabei können die Wärmeleitung und die Bewegung der Phasengrenze
getrennt diskretisiert und berechnet werden. In jedem Zeitschritt wird
zunächst die Bewegung der diskreten Phasengrenze aus der oben
erläuterten Gleichung berechnet. Die Phasengrenze selbst ist durch
ein Dreicksnetz dargestellt, für dessen Knoten ein System von
gekoppelten Bewegungsgleichungen hergeleitet werden kann, welche die
Geschwindigkeit, die Krümmung und die Temperatur an der Phasengrenze
beinhalten. Da sich die Phasengrenze im Laufe der Simulation stark
vergrößert und verzweigt, ist es notwendig das Dreiecksnetz ständig
anzupassen. Dazu werden z.\ B. zu groß gewordene Dreiecke in kleinere
zerteilt. Ist die neue Phasengrenze berechnet, so kann die neue
Temperaturverteilung und damit die Temperatur an der neuen
Phasengrenze berechnet werden. Dabei wird das Temperatur-Rechengitter
mit Hilfe der oben erwähnten Fehlerschätzer automatisch der neuen
Lösung angepasst. Ein typisches Rechengitter ist im Bild gezeigt.
Die Temperatur variiert sehr stark in der Nähe der Phasengrenze,
daher muss dort das Gitter auch besonders fein sein. Demgegenüber ist
die Temperatur innerhalb der festen Phase fast konstant. In diesem
Bereich darf daher ein grobes Gitter verwandt werden.
Im Rahmen des geförderten Projekts hat Dr. Andreas Veeser in seiner
Promotion Konvergenz und Fehlerabschätzungen für eine Variante des
Verfahrens bewiesen.
